XXI. Kapitel: Das Abendmahl des Herrn
Das Abendmahl des Herrn, das auch Tisch des Herrn
oder Eucharistie, das heißt Danksagung, genannt
wird, heißt deshalb allgemein Abendmahl, weil
es von Christus bei jener letzten Abendmahlzeit
eingesetzt wurde und diese noch jetzt darstellt,
auch weil die Gläubigen dabei auf geistliche
Weise gespeist und getränkt werden. Denn der
Stifter des Herrenmahles ist nicht ein Engel oder
irgendein Mensch, sondern Gottes Sohn selbst, unser
Herr Jesus Christus, der es zuerst für seine
Kirche geheiligt hat. Diese Weihe oder Segnung dauert
aber bis heute an bei all denen, die kein anderes
als das Mahl feiern, das der Herr eingesetzt hat,
und die dabei die Einsetzungsworte des Herrn vorlesen
und in allem mit wahrem Glauben einzig auf Christus
schauen, aus dessen Händen sie gleichsam empfangen,
was sie durch den Dienst der kirchlichen Diener
bekommen. Durch diese heilige Handlung will der
Herr seine dem Menschengeschlecht erwiesene herrliche
Wohltat in frischer Erinnerung halten, nämlich
dass er uns durch Gedächtnismahl seinen dahingegebenen
Leib und sein vergossenes Blut alle unsere Sünden
erlassen und uns vom ewigen Tod und von der Gewalt
des Teufels erlöst hat, und dass er uns jetzt
speist mit seinem Fleisch und tränkt mit seinem
Blut, die uns nähren zum ewigen Leben, wenn
wir sie im wahren Glauben auf geistliche Weise empfangen.
Und diese große Wohltat erneuert er so oft,
als das Abendmahl des Herrn gefeiert wird. Denn
der Herr hat gesagt: "Das tut zu meinem Gedächtnis!"
So wird durch dieses heilige Mahl die Tatsache versiegelt,
dass der Leib des Herrn wirklich für uns dahingegeben
und sein Blut zur Vergebung unserer Sünden
vergossen worden ist, damit unser Glaube nicht wanke.
Und zwar wird mit diesem Sakrament sichtbar und
äußerlich durch den Diener dargestellt
und sozusagen augenscheinlich gemacht, was inwendig
in der Seele durch den Heiligen Geist selbst unsichtbar
verliehen wird. Äußerlich wird vom Diener
Brot angeboten, und man hört die Worte des
Herrn: "Nehmet, esset, das ist mein Leib; nehmet
und teilt das unter euch; trinket aus diesem alle;
das ist mein Blut." Deshalb empfangen die Gläubigen,
was ihnen vom Diener des Herrn gegeben wird, essen
das Brot des Herrn und trinken aus dem Kelche des
Herrn; inwendig jedoch empfangen sie durch den Dienst
Christi Fleisch und Blut des Herrn durch den Heiligen
Geist und werden damit gespeist zum ewigen Leben.
Denn Fleisch und Blut Christi sind wirklich Speise
und Trank zum ewigen Leben; und Christus selber
ist, da er für uns dahingegeben und unser Heiland
ist, Grund und Wesen des Abendmahls, und wir lassen
nichts anderes an seine Stelle setzen.
Damit man aber besser und deutlicher versteht, wieso
Fleisch und Blut Christi Speise und Trank der Gläubigen
sei und von ihnen zum ewigen Leben empfangen werde,
wollen wir einiges Wenige beifügen. Es gibt
nicht nur einerlei Art zu essen. Es gibt ein leibliches
Essen, wobei man die Speise in den Mund nimmt, mit
den Zähnen zerbeißt und hinunterschluckt.
Auf diese Art haben einst die Kapernaiten das Fleisch
des Herrn gemeint essen zu müssen, werden aber
von ihm selbst widerlegt in Joh. 6,63. Denn wie
das Fleisch Christi nicht leiblich gegessen werden
kann ohne Frevel und greuliche Roheit, so ist es
auch nicht eine Speise für den Bauch. Das müssen
doch alle eingestehen. Wir missbilligen deshalb
in den Dekreten der Päpste den hierher gehörigen
Kanon: "Ich Berengar ..." im Abschnitt
2 über "Die Weihen". Denn weder die
Frommen der alten Kirche noch wir glauben, dass
der Leib Christi mit dem leiblichen Munde körperlich
oder wirklich gegessen werde.
Es gibt aber ein geistliches Essen des Leibes Christi,
nicht so allerdings, dass wir annähmen, die
Speise selber verwandle sich in Geist, sondern so,
dass Leib und Blut des Herrn ihr Wesen und ihre
Eigenart behalten und dass sie uns geistlich mitgeteilt
werden, nämlich nicht auf leibliche, sondern
auf geistliche Weise durch den Heiligen Geist, der
uns eben das, was durch das für uns in den
Tod dahin gegebene Fleisch und Blut des Herrn erworben
wurde, nämlich die Vergebung der Sünden,
die Erlösung und das ewige Leben, verschafft
und zu eigen macht, so dass Christus in uns lebt
und wir in ihm leben. Er bewirkt auch, dass wir
ihn so selbst als unsere geistliche Speise und unseren
geistlichen Trank, das heißt als unser Leben,
im wahren Glauben empfangen. So wie nämlich
die leibliche Speise und der leibliche Trank unseren
Leib nicht bloß erquickt und stärkt,
sondern ihn auch am Leben erhält, so erquickt
und stärkt das für uns dahingegebene Fleisch
und das für uns vergossene Blut Christi unsere
Seele nicht bloß, sondern erhält sie
auch am Leben, allerdings nicht, weil Brot und Wein
leiblich gegessen und getrunken werden, sondern
darum, weil sie uns auf geistliche Weise vom Geiste
Gottes mitgeteilt werden. Denn der Herr spricht:
"Das Brot, das ich geben werde, ist zugleich
mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben
der Welt" (Joh. 6,51). Ebenso: "Das Fleisch
natürlich leiblich genossen ? hilft nichts,
der Geist ist es, der lebendig macht." Und:
"Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind
Geist und sind Leben" (Joh. 6,63). Und wie
wir die Speise durch das Essen in uns selbst aufnehmen
müssen, damit sie in uns wirke und ihre Kraft
entfalte, da es uns nichts nützt. wenn sie
neben uns liegt, so ist es auch notwendig, dass
wir Christus im Glauben aufnehmen, damit er unser
werde, in uns lebe und wir in ihm. Denn er sagt:
"Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt,
wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, wird
nimmermehr dürsten." Ebenso: "Wer
mich isst, wird leben, weil ich lebe", und:
"... der bleibt in mir und ich in ihm."
Aus alledem geht klar hervor, dass wir unter geistlicher
Speise keineswegs weiß was für eine Scheinspeise
verstehen, sondern den Leib des Herrn selbst, der
für uns dahingegeben wurde, der aber immerhin
von den Gläubigen nicht leiblich, sondern geistlich
durch den Glauben genossen wird. Darin folgen wir
durchaus der Lehre Christi, unseres Herrn und Heilandes
selbst, nach Johannes im 6. Kapitel. Und dieses
Essen des Fleisches und Trinken des Blutes des Herrn
ist so nötig zum Heil, dass ohne dieses Essen
und Trinken niemand selig werden kann. Dieses geistliche
Essen und Trinken aber vollzieht sich auch außerhalb
des Abendmahls, so oft und wo immer ein Mensch an
Christus glaubt. Darauf bezieht sich vielleicht
das Wort Augustinus "Was rüstest du Zahn
und Bauch? Glaube, so hast du gegessen!"
Außer dem höheren geistlichen Genießen
gibt es aber auch ein sakramentales Essen des Leibes
des Herrn, durch das der Gläubige nicht bloß
geistlich und innerlich teil hat am wahren Leib
und Blut des Herrn, sondern er empfängt, wenn
er zum Tische des Herrn tritt, auch äußerlich
sichtbar das Sakrament des Leibes und Blutes des
Herrn. So hat der Gläubige zwar schon vorher,
so lange er geglaubt hat, die lebenspendende Speise
empfangen und genießt sie bis jetzt, empfängt
aber doch etwas, wenn er nun noch das Sakrament
nimmt. Denn durch die ständige Gemeinschaft
des Leibes und Blutes des Herrn macht er Fortschritte,
und sein Glaube wird so mehr und mehr entzündet,
wächst und wird stark von dieser geistlichen
Nahrung. Denn so lange wir leben, wächst der
Glaube beständig. Und wer im wahren Glauben
das Sakrament äußerlich empfängt,
der empfängt nicht nur das Zeichen, sondern
genießt, wie gesagt, die Sache selbst. Außerdem
gehorcht er der Anordnung und dem Befehl des Herrn,
dankt mit fröhlichem Herzen für seine
und der ganzen Menschheit Erlösung, begeht
das gläubige Gedächtnis vom Tode des Herrn
und bezeugt vor der Gemeinde, welches Leibes Glied
er sei. So wird denen, die das Sakrament empfangen,
die Tatsache versiegelt, dass der Leib des Herrn
dahingegeben und sein Blut vergossen worden sei
nicht bloß im allgemeinen für die Menschen,
sondern dass sie im besonderen Speise und Trank
zum ewigen Leben seien für jeden einzelnen
Gläubigen, der das Abendmahl genießt.
Wer aber ohne Glauben zum heiligen Tisch des Herrn
tritt, der genießt das Sakrament nur äußerlich,
empfängt aber nicht das Wesentliche des Sakramentes,
woraus das Leben und das Heil kommt. Solche Menschen
essen unwürdig am Tische des Herrn. Die aber
unwürdig vom Brote des Herrn essen und von
seinem Kelche trinken, werden schuldig am Leib und
Blut des Herrn und essen und trinken sich selbst
zum Gericht. Denn wer nicht mit wahrem Glauben hinzutritt,
der schmäht den Tod Christi, und deshalb isst
und trinkt er sich selber zur Verdammnis. Wir bringen
deshalb den Leib des Herrn und sein Blut mit Brot
und Wein nicht so in Verbindung, dass wir sagten,
das Brot sei selber der Leib Christi, außer
im sakramentalen Sinn, oder: unter dem Brot sei
der Leib Christi körperlich verborgen, so dass
er in der Gestalt des Brotes angebetet werden müsse,
oder: wer das Zeichen empfange, der empfange unbedingt
die Sache selbst. Der Leib Christi ist im Himmel
zur Rechten des Vaters. Darum muss man die Herzen
emporheben und darf nicht am Brot hängen bleiben
und den Herrn nicht im Brot anbeten. Und doch ist
der Herr nicht abwesend, wenn seine Gemeinde das
Abendmahl feiert. Die Sonne ist ja auch weit weg
am Himmel und trotzdem ist sie mit ihrer Kraft bei
uns. Wie viel mehr ist Christus, die Sonne der Gerechtigkeit,
obwohl dem Leibe nach abwesend im Himmel, doch bei
uns, zwar nicht leiblich, sondern geistlich durch
sein lebenspendendes Wirken, wie er selbst bei seinem
letzten Mahl erklärt hat, dass er bei uns sein
werde (Joh. 14. 15. 16). Daraus folgt, dass wir
nicht ohne Christus Abendmahl halten und doch ein
"unblutiges und geheimnisvolles Mahl"
feiern, wie die ganze alte Kirche es nannte. Andere
Zwecke Ferner werden wir durch die Feier des Herrenmahles
des Abendmahls ermahnt, daran zu denken, welches
Leibes Glieder wir geworden sind und deshalb eines
Sinnes mit allen Brüdern zu sein, damit wir
heilig leben und uns nicht beflecken mit Lastern
und fremden Religionen, sondern im wahren Glauben
verharren bis ans Lebensende, und darnach trachten,
mit einem heiligen Lebenswandel voranzuleuchten.
Deshalb ziemt sich, dass wir uns vor dem Gang zum
Abendmahl nach der Anweisung des Apostels selber
prüfen, vor allem, mit was für einem Glauben
wir ausgerüstet seien, ob wir glauben, dass
Christus gekommen sei, Sünder selig zu machen
und zur Buße zu rufen, und ob jeder für
sich glaube, dass auch er zur Zahl derer gehöre,
die durch Christus erlöst und selig gemacht
werden, und ob er sich vorgenommen habe, sein verkehrtes
Leben zu ändern und heilig zu leben, und unter
dem Beistand des Herrn im wahren Glauben zu verharren
und in Eintracht mit den Brüdern Gott für
die Erlösung würdigen Dank darzubringen
usw..
Was die heilige Handlung, nämlich die Art
und Weise oder die Form des Abendmahls betrifft,
so halten wir dafür, dass die am einfachsten
und besten sei, die der ersten Anordnung des Herrn
und der Lehre der Apostel am nächsten kommt.
Sie besteht nämlich in der Verkündigung
des Wortes Gottes, in frommen Gebeten, in der Handlung
des Herrn selbst und ihrer Wiederholung, im Essen
des Leibes und im Trinken des Blutes des Herrn,
im Gedenken an den heilbringenden Tod des Herrn,
in der gläubigen Danksagung und in der heiligen
Vereinigung mit allen Gliedern der christlichen
Gemeinde. Wir missbilligen daher die Ansicht derer,
die den Gläubigen die eine Gestalt des Sakramentes,
nämlich den Kelch des Herrn, entzogen haben.
Denn diese versündigen sich schwer gegen die
Anordnung des Herrn, der sagt: "Trinket aus
diesem alle!", was er beim Brot nicht so ausdrücklich
gesagt hat.
Wie es mit der Messe bei den Alten gewesen ist,
ob sie erlaubt war oder nicht, darüber streiten
wir jetzt nicht. Nur das sagen wir frei heraus,
dass die Messe, die heute in der ganzen römischen
Kirche gebräuchlich ist, in unseren Kirchen
aus zahlreichen und höchst triftigen Gründen
abgeschafft ist, die wir jetzt der Kürze halber
nicht einzeln erwähnen können. Keinesfalls
konnten wir es billigen, dass aus der heilbringenden
Handlung ein leeres Schauspiel und eine Verdienstquelle
gemacht wurde, oder dass sie gegen Bezahlung gefeiert
wird, ferner, dass man sagt, der Priester "mache"
dabei den wahren Leib Christi und opfere ihn wirklich
zur Vergebung der Sünden, für Lebende
und Tote, dazu etwa noch zur Ehre oder zur Feier
oder zum Gedächtnis der Heiligen im Himmel
und so weiter.
XXII. Kapitel: Die Gemeindegottesdienste und der
Kirchgang
Obwohl es allen erlaubt ist, die Heiligen Schriften
zu Hause für sich zu lesen und einander gegenseitig
durch Belehrung im wahren Glauben zu erbauen, sind
heilige Versammlungen oder kirchliche Zusammenkünfte
dennoch durchaus nötig, um dem Volke das Wort
Gottes ordnungsgemäß zu verkündigen,
um öffentlich Bitte und Gebet zu tun, die Sakramente
ordnungsgemäß zu feiern und für
die Armen, für alle nötigen Aufwendungen
der Kirche und zur Aufrechterhaltung der gebräuchlichen
kirchlichen Tätigkeit Beiträge zu sammeln.
Denn es steht fest, dass in der apostolischen Urgemeinde
Versammlungen dieser Art von allen Frommen häufig
besucht wurden. So oft man diese gering schätzt
und sich davon absondert, verachtet man den wahren
Glauben. Solche Leute müssen von den Hirten
(Pfarrern) und den gottesfürchtigen Behörden
dringend ermahnt werden, dass sie nicht fortfahren,
sich hartnäckig abzusondern und die heiligen
Versammlungen zu verlassen. Die kirchlichen Versammlungen
sollen aber nicht verborgen und heimlich, sondern
öffentlich und regelmäßig abgehalten
werden, sofern nicht eine Verfolgung durch die Feinde
Christi und seiner Kirche es hindert, dass sie öffentlich
stattfinden. Denn wir wissen, wie einst die Versammlungen
der ersten Gemeinden unter der Gewaltherrschaft
der römischen Kaiser an verborgenen Orten stattfanden.
Die Stätten, an denen die Gläubigen zusammenkommen,
sollen aber würdig und der Kirche Gottes in
jeder Hinsicht angemessen sein. Dafür sind
geräumige Gebäude und Kirchen zu wählen.
Sie sind jedoch rein zu halten von allen Dingen,
die der Kirche nicht wohl anstehen. Es soll aber
auch alles angeordnet werden. was zur Schicklichkeit,
zum notwendigen Bedarf und zum frommen Anstand gehört,
damit nichts fehle, was man für die gottesdienstlichen
Handlungen und die kirchliche Tätigkeit überhaupt
benötigt. Wie wir aber glauben, dass Gott nicht
wohne "in Tempeln von Händen gemacht"
so wissen wir doch aus Gottes Wort und aus den heiligen
Gebräuchen, dass die Gott und seiner Anbetung
gewidmeten Stätten nicht gewöhnliche,
sondern heilige Orte sind, und wer sich darin aufhält,
soll sich ehrerbietig und geziemend benehmen, da
er ja an heiligem Orte ist, vor Gottes und seiner
heiligen Engel Angesicht. Daher ist von den Kirchen
und Bethäusern der Christen jede Kleiderpracht,
alle Hoffart und alles, was christliche Demut, Zucht
und Bescheidenheit verletzt, durchaus fernzuhalten.
Der wahre Schmuck der Kirchen besteht auch nicht
in Elfenbein, Gold und Edelsteinen, sondern in der
Einfachheit, Frömmigkeit und den Tugenden derer,
die im Gotteshaus weilen. Alles aber geschehe in
der Kirche anständig und ordentlich, alles
diene schließlich der Erbauung. Fort also
mit den fremden Sprachen in den Gottesdiensten!
Alles soll vorgetragen werden in der Volkssprache,
die am Orte selbst von den Leuten in der Versammlung
verstanden wird.
XXIII. Kapitel: Die Kirchengebete, der Gesang
und die sieben Gebetszeiten (die kanonischen Stunden)
Natürlich ist es erlaubt, für sich allein
in jeder Sprache, die man versteht, zu beten; aber
die öffentlichen Gebete im Gottesdienst sollen
in der gewöhnlichen oder allen Leuten verständlichen
Sprache gehalten werden. Jedes Gebet der Gläubigen
soll sich aus Glauben und Liebe durch die alleinige
Mittlerschaft Christi allein an Gott richten. Die
Heiligen im Himmel anzurufen oder sie als Fürbitter
in Anspruch zu nehmen, verbietet das Priestertum
des Herrn Christus und der wahre Glaube. Man muss
auch für die Obrigkeit, "für Könige
und alle, die in Volkssprache obrigkeitlicher Stellung
sind", für die Diener der Kirche und alle
Bedürfnisse der Gemeinden Fürbitte tun.
Bei Heimsuchungen aber, und besonders bei solchen
der Kirche, soll man ohne Unterlass zu Hause und
öffentlich beten. Das Gebet geschehe freiwillig,
nicht gezwungen, und ohne jedes Entgelt. Es gehört
sich auch nicht, dass das Gebet abergläubisch
an eine bestimmte Stätte gebunden wird, als
ob man nicht auch anderswo als in der Kirche beten
dürfte. Es ist nicht nötig, dass die öffentlichen
Gebete nach Form und Zeit in allen Gemeinden gleich
seien. Die Gemeinden mögen da nur alle von
ihrer Freiheit Gebrauch machen. Sokrates sagt in
seinem Kirchengeschichtswerk: "Man kann durchwegs
in allen Gegenden nicht zwei Gemeinschaften finden,
die im Beten genau übereinstimmen." Die
Urheber dieser Verschiedenheit waren jeweilen, wie
ich glaube, die derzeitigen Vorsteher der Gemeinden.
Wenn sie aber einmal übereinstimmen, so erscheint
uns das sehr empfehlenswert und nachahmenswert für
andere.
Es schickt sich aber auch in den öffentlichen
Gebeten, wie in jeder Sache, Maß zu halten,
dass sie Weise des öffentlichen Gebetes nicht
zu lang und damit lästig werden. Den größten
Teil der Zeit verwende man im Gottesdienst deshalb
auf die Lehre des Evangeliums und hüte sich
wohl, im Gottesdienst das Volk durch zu lange Gebete
zu ermüden. so dass die Leute, wenn man dann
die Predigt des Evangeliums anhören sollte,
entweder wünschen, die Versammlung zu verlassen
oder wegen Ermüdung überhaupt ihr Ende
herbeisehnen. Solchen kommt dann in der Predigt
auch das noch zu lang vor, was sonst kurz genug
gefasst ist. Auch für die Prediger gehört
es sich, dass sie Maß halten. So soll man
auch den Gesang im Gottesdienst mit Maß gebrauchen,
wo er üblich ist. Der sogenannte gregorianische
Kirchengesang hat viel Ungereimtes an sich; deshalb
ist er mit Grund von unseren und zahlreichen Gemeinden
abgeschafft worden. Gibt es etwa Gemeinden, die
das gläubige und ordnungsgemäße
Gebet pflegen, aber keinen Gesang haben, so soll
man ihnen daraus keinen Vorwurf machen. Denn nicht
alle Gemeinden sind aufs Singen eingerichtet. Aus
den Zeugnissen der alten Kirche geht übrigens
bestimmt hervor, dass der Gesang, wie er ein uralter
Brauch war in den morgenländischen Gemeinden,
so später auch von den abendländischen
übernommen wurde.
Die kanonischen Stunden ? die sieben Gebetszeiten
-Gebetszeiten das heißt die auf bestimmte
Stunden des Tages festgelegten, von den Päpstlichen
gesungenen und gelesenen Gebete, hat die alte Kirche
nicht gekannt. Dies kann aus den Stundengebeten
selbst und mit zahlreichen Gründen bewiesen
werden. Sie enthalten aber viel Abgeschmacktes ?
um es nicht schärfer auszudrücken?; deshalb
unterlässt man sie mit Recht in den Gemeinden,
die an ihre Stelle etwas setzen, was der ganzen
Gemeinde Gottes heilsam ist.
XXIV. Kapitel: Die Feiertage, das Fasten und die
Auswahl der Speisen
Obwohl die Religion an keine Zeit gebunden ist.
So kann sie doch nicht ohne rechte Einteilung oder
Ordnung der Zeit gepflanzt und geübt werden.
Deshalb wählte jede Gemeinde für sich
eine bestimmte Zeit zum öffentlichen Gebet,
zur Predigt des Evangeliums und zur Feier der Sakramente.
Es ist aber nicht jedem erlaubt, nach Belieben diese
Ordnung der Gemeinde umzustürzen. Und wenn
keine rechte Muße zur Ausübung der äußeren
Glaubenspflichten eingeräumt wird, lassen sich
die Menschen bestimmt durch ihre Geschäfte
davon abziehen. Daher sehen wir in den altchristlichen
Gemeinden nicht nur, dass bestimmte Stunden in der
Woche für die Versammlungen festgesetzt waren,
sondern dass der Sonntag selbst von der apostolischen
Zeit an jenen Versammlungen und der heiligen Ruhe
geweiht war. Das wird auch jetzt noch um des Gottesdienstes
und um der Liebe willen so gehalten von unseren
Gemeinden. Doch lassen wir keine jüdische Gesetzlichkeit
und abergläubische Sitten zu. Denn wir glauben
nicht, dass ein Tag heiliger sei als der andere,
und meinen Aberglauben nicht, dass das Nichtstun
an sich Gott schon gefalle, sondern wir feiern und
halten darum in freier Weise den Sonntag (Herrentag)
und nicht den Sabbat.
Wir sind außerdem auch sehr damit einverstanden,
wenn die Gemeinden gemäß der christlichen
Freiheit das Gedächtnis an die Geburt des Herrn,
seine Beschneidung. sein Leiden und seine Auferstehung,
seine Himmelfahrt und die Ausgießung des Heiligen
Geistes über die Jünger in frommer Weise
feiern. Doch billigen wir nicht Feste zu Ehren von
Menschen oder Heiligen. Natürlich gehören
die Feiertage zu den Geboten der ersten Gesetzestafel
und gebühren Gott allein Die Heiligenfeste,
die wir abgeschafft haben, enthalten ja zudem sehr
viel Abgeschmacktes, Unnützes und völlig
Unerträgliches. Indessen geben wir zu, dass
es nicht unnütz ist, zu gegebener Zeit und
am rechten Ort in frommen Predigten dem Volke das
Gedenken an die Heiligen zu empfehlen und ihm das
fromme Vorbild der Heiligen vor Augen zu stellen.
Je mehr aber die Kirche Christi zu klagen hat über
Schwelgerei und Trunksucht, über allerlei Wollust
und Unmäßigkeit, um so eifriger empfiehlt
sie uns christliches Fasten. Fasten ist nämlich
nichts anderes als die Enthaltsamkeit und Mäßigkeit
der Frommen, die Zucht, Wachsamkeit und Bestrafung
unseres Fleisches, der wir uns je nach der jeweiligen
Notwendigkeit unterziehen und wodurch wir uns vor
Gott demütigen und die entzündliche Gier
des Fleisches mindern, damit es um so leichter und
lieber dem Geist gehorche. Deshalb fasten diejenigen
gar nicht, die dem nicht Rechnung tragen, sondern
zu fasten meinen, wenn sie nur einmal am Tage den
Bauch vollstopfen und sich dann zu bestimmter und
vorgeschriebener Zeit gewisser Speisen enthalten,
in der Meinung, dass sie schon durch die Vollbringung
dieses Werkes Gott gefielen und damit ein gutes
Werk täten. Das Fasten ist vielmehr nur eine
kleine Beihilfe zum Gebet der Heiligen (Gläubigen)
und zu jeglicher Tugend. Jenes Fasten gefiel Gott
nicht ?wie man in den Büchern der Propheten
sehen kann ?, bei dem sich die Juden wohl der Speisen.
nicht aber der Laster enthielten.
Es gibt ein öffentliches und ein privates Fasten.
Öffentliche Fastenzeiten feierte man einst
in Zeiten der Heimsuchung und Anfechtung der Kirche.
Da enthielt man sich überhaupt der Speise bis
zum Abend. Diese ganze Zeit aber lag man heiligen
Gebeten ob, sowie dem Gottesdienst und der Buße.
Dies war nicht viel anderes als eine Äußerung
der Trauer. und bei den Propheten wird solches häufig
erwähnt. besonders bei Joel im Kapitel 2,12ff.
Ein Fasten solcher Art soll auch heute in Notzeiten
der Kirche gefeiert werden. Für sich selber
aber kann jeder von uns ein Fasten auf sich nehmen,
je nachdem er fühlt, dass sein Geist ermattet.
Dann entzieht er eben seinem Fleisch die entzündliche
Gier.
Alles Fasten soll aus freiem, bereitwilligem und
gedemütigtem Geiste hervorgehen und nicht auferlegt
sein, um den Beifall oder die Gunst von Menschen
zu erlangen, noch viel weniger dazu, dass der Mensch
sich dadurch verdienstliche Gerechtigkeit erwerben
will. Jeder faste aber zu dem Zweck, dass er seinem
Fleisch die entzündliche Gier entziehe und
Gott um so inbrünstiger diene.
Das vierzigtägige Fasten vor Ostern ist wohl
in der alten Kirche bezeugt, jedoch kein einziges
Mal in den Schriften der Apostel; also soll und
darf es den Gläubigen nicht auferlegt werden.
Sicher ist, dass es einst verschiedene Formen und
Bräuche dieses Fastens gab. Daher sagt schon
der sehr alte Schriftsteller Irenäus: "Die
einen glauben, das Fasten nur an einem Tage beobachten
zu müssen, andere an zwei, wieder andere an
mehreren, einige sogar an vierzig Tagen." Diese
Verschiedenheit in der Beobachtung des Fastens hat
also nicht erst in unseren Tagen angefangen, sondern
lange vor uns bei jenen, die, wie ich glaube, nicht
einfach festhielten, was von Anfang an überliefert
war, sondern entweder infolge Nachlässigkeit
oder Unkenntnis später in eine andere Sitte
verfielen. Auch der Kirchengeschichtsschreiber Sokrates
sagt: "Weil darüber keine einzige alte
Nachricht zu finden ist, glaube ich, dass die Apostel
dies der Entscheidung der einzelnen überließen,
so dass jeder ohne Furcht und Zwang das tut, was
gut ist."
Was nun die Auswahl der Speisen betrifft, glauben
wir, dass man beim Fasten dem Fleisch all das entziehen
soll, wodurch es unbändiger wird, woran es
sich allzu maßlos ergötzt und wovon eben
die entzündliche Gier des Fleisches kommt,
seien es Fische. Fleisch, Gewürze, Leckerbissen
oder starke Weine. Sonst wissen wir, dass alle Geschöpfe
Gottes geschaffen sind zum Gebrauch und Dienst der
Menschen (1.Mose 2,15). Alles, was Gott geschaffen
hat, ist gut (1.Mose 1,31) und ohne Unterschied,
jedoch in der Furcht Gottes und mit rechtem Maß
zu gebrauchen. Denn der Apostel sagt: "Den
Reinen ist alles rein" (Tit. 1,15). Ebenso:
"Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird,
esset, ohne um des Gewissens willen etwas zu untersuchen"
(1.Kor. 10,25). Derselbe Apostel nennt die Lehre
derer, die "gebieten, sich von Speisen zu enthalten"
... "eine Lehre von Dämonen". Denn
die Speisen habe Gott für die, welche gläubig
sind und die Wahrheit erkannt haben, geschaffen,
"damit sie mit Danksagung genossen werden.
Denn alles von Gott Geschaffene ist gut, und nichts
ist verwerflich, wenn es mit Danksagung empfangen
wird" usw. (1.Tim. 4,1ff.). Ebenso tadelt er
im Kolosserbrief diejenigen, die sich durch übertriebene
Enthaltsamkeit das Ansehen besonderer Heiligkeit
geben wollen (Kol. 2,18ff.). Wir verwerfen daher
gänzlich die Lehre der Tatianer und Enkratiten
sowie aller Schüler des Eustachius, gegen die
die Synode von Gangra einberufen wurde.
XXV. Kapitel: Der Jugendunterricht und die Krankenseelsorge
Der Herr hat seinem alten Bundesvolke auf die Seele
gebunden. der rechten Unterweisung der Jugend von
früher Kindheit an größte Sorgfalt
zu widmen. und hat in seinem Gesetz verschiedentlich
befohlen, die Kinder zu unterrichten und ihnen die
Geheimnisse der Sakramente zu erklären. Da
aber aus den evangelischen und apostolischen Schriften
bestimmt hervorgeht. dass Gott nicht weniger an
die Jugend seines neuen Bundesvolkes denkt, da er
öffentlich bezeugt und sagt: "Lasset die
Kinder zu mir kommen ... denn solchen gehört
das Reich Gottes" (Mk. 10,14), tun die Hirten
der Gemeinden sehr wohl daran, wenn sie die Jugend
frühzeitig und fleißig unterweisen, indem
sie die ersten Grundlagen des Glaubens legen und
die Hauptstücke unserer Religion treulich lehren,
nämlich durch Erklärung der Zehn Gebote
Gottes, des Apostolischen Glaubensbekenntnisses,
des Herrengebetes, der Bedeutung der Sakramente
sowie anderer derartiger Anfangsgründe und
wichtigster Hauptpunkte unserer Religion. Die Gemeinde
beweise aber ihre Treue und Sorgfalt darin, dass
sie die Kinder zur Unterweisung anhält, muss
sie doch wünschen und sich darüber freuen,
wenn die Kinder recht unterwiesen werden.
Da aber die Menschen niemals schwereren Anfechtungen
ausgesetzt sind, als wenn sie durch Schwäche
geplagt oder krank sind. bedrückt an Seele
und Leib. 'laben die Hirten der Gemeinden eigentlich
nie sorgfältiger über das Heil ihrer Herde
zu wachen. als bei derartigen Krankheiten und Schwächezuständen.
Sie sollen deshalb die Kranken bald besuchen, sollen
aber auch von den Kranken rechtzeitig gerufen werden
sofern es ihr Zustand erfordert. Sie sollen jene
trösten. im wahren Glauben stärken und
sie wappnen gegen die verderblichen Einflüsterungen
des Teufels. Sie sollen auch beim Kranken häusliche
Gebete anordnen und, wenn`s nötig ist, sollen
sie für das Heil des Kranken auch öffentlich
im Gottesdienst beten und sorgen, dass er selig
aus dieser Welt abscheide. Doch den papistischen
Krankenbesuch mit seiner letzten Ölung können
wir, wie bereits gesagt, nicht gutheißen,
weil er viel Abgeschmacktes an sich hat und von
der Heiligen Schrift nicht gebilligt und uns nicht
überliefert wird.
XXVI. Kapitel: Das Begräbnis der Gläubigen,
die Fürsorge für die Toten, das Fegfeuer
und die Erscheinung von Geistern
Die Heilige Schrift befiehlt, die Leiber der Gläubigen.
weil sie Tempel des Heiligen Geistes sind und man
mit Recht an ihre Auferstehung am jüngsten
Tage glaubt, schicklich und ohne Aberglauben der
Erde zu übergeben, aber auch der Gläubigen
ehrend zu gedenken, die im Herrn selig entschlafen
sind, und ihren Hinterlassenen, wie Witwen und Waisen,
alle Dienste christlicher Bruderliebe zu erweisen.
Darüber hinaus gibt es nach unserer Lehre nichts
für die Toten zu sorgen. Wir missbilligen deshalb
aufs schärfste die Zyniker, die die Leiber
der Toten vernachlässigen oder sie völlig
gleichgültig und verächtlich in eine Grube
werfen, oder die niemals ein gutes Wort über
die Verstorbenen sagen oder sich um ihre Hinterlassenen
nicht im geringsten bekümmern. Wir missbilligen
aber andererseits auch die Leute, die sich in übertriebener
und verkehrter Weise um ihre Toten sorgen und wie
die Heiden ihre Toten beklagen ? eine mäßige
Trauer, wie sie der Apostel 1.Thess. 4,13 zulässt,
tadeln wir nicht, indem wir es geradezu unmenschlich
fänden, überhaupt nicht zu trauern ?,
die also für die Toten opfern, bestimmte Gebete,
und zwar gegen Bezahlung, dahermurmeln, in der Absicht,
ihre Angehörigen durch Dienste dieser Art aus
den Qualen, in die sie durch den Tod hineingeraten
sind, zu befreien, und meinen, sie könnten
durch solche Totenklagen daraus tatsächlich
befreit werden. Denn wir glauben, dass die Gläubigen
nach dem Tode des Leibes geradewegs zu Christus
gehen und deshalb weder der Unterstützung noch
der Fürbitte der Lebenden, noch all ihrer Dienste
irgendwie bedürfen. Ebenso glauben wir, dass
die Ungläubigen geradewegs in die Hölle
gestürzt werden, aus der man den Gottlosen
durch keinerlei Dienste der Lebenden einen Ausgang
schafft.
Was aber gewisse Leute vom Fegfeuer berichten, widerspricht
dem Artikel des christlichen Glaubensbekenntnisses:
"Ich glaube an die Vergebung der Sünden
und an ein ewiges Leben" und einer völligen
Reinigung durch Christus, sowie den folgenden Aussprüchen
des Herrn Christus: Wahrlich, wahrlich, ich sage
euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der
mich gesandt hat, der hat ewiges Leben. und in ein
Gericht kommt er nicht, sondern er ist aus dem Tod
ins Leben hinübergegangen" (Joh. 5,24)
; ebenso: "Wer gebadet ist, hat nichts anderes
nötig, als die Füße zu waschen,
sondern er ist ganz rein. Und ihr seid rein ..."
(Joh. 13,10).
Was man nun schon berichtet über Geister und
Seelen von Verstorbenen, die gelegentlich den Lebenden
erscheinen und von ihnen Dienste begehren zu ihrer
Erlösung, so halten wir diese Erscheinungen
für Spott, List und Betrug des Teufels, der,
wie er sich in einen Engel des Lichts verwandeln
kann, so sich auch alle Mühe gibt, den wahren
Glauben zu zerstören oder in Zweifel zu ziehen.
Der Herr hat schon im Alten Testament verboten,
von den Toten die Wahrheit zu erforschen und irgendwelchen
Verkehr mit den Geistern zu pflegen (5.Mose 18,11).
Dem reichen Mann aber, da er in der Hölle Pein
litt, wird die Rückkehr zu seinen Brüdern
verweigert, wie das untrügliche Evangelium
erzählt, indem die göttliche Stimme ausdrücklich
verkündigt: "Sie haben Mose und die Propheten;
sie sollen auf sie hören! ... Wenn sie auf
Mose und die Propheten nicht hören, werden
sie sich auch nicht gewinnen lassen. wenn einer
von den Toten aufersteht" (Luk. 16,29ff.).
XXVII. Kapitel: Die Gebräuche, die Zeremonien
und die Mitteldinge
Dem alten Bundesvolke wurden einst Zeremonien als
eine Art Zuchtmittel gegeben, denen, die unter dem
Gesetze wie unter einem Erzieher und Vormund gehalten
wurden; aber seit dem Erscheinen des Erlösers
Christus und nach Aufhebung des Gesetzes und als
Gläubige sind wir nicht mehr unter dem Gesetz
(Röm. 6,14) und die Zeremonien sind verschwunden.
Die Apostel wollten diese eben unter keinen Umständen
in der Kirche Christi behalten oder erneuern, wie
sie öffentlich bezeugt haben. dass sie der
Kirche keinerlei Last auflegen wollten (Apg. 15,28.10).
Deshalb würde es aussehen, als ob wir das Judentum
wieder einführen und neuerdings aufrichten
wollten, wenn wir in der Kirche Christi nach der
Art der alten Kirche die Zeremonien und Gebräuche
vermehrten. Und darum billigen wir keineswegs die
Meinung derer, die finden, die Kirche Christi müsse
durch mancherlei verschiedene Zeremonien gleichsam
unter Kinderzucht gehalten werden. Denn wenn die
Apostel dem christlichen Volke die Zeremonien und
Gebräuche göttlichen Ursprungs nicht auferlegen
wollten, wer mit gesundem Menschenverstand, bitte,
wird ihm zufällige Fündlein von Menschen
aufzwingen wollen? Je mehr Gebräuche sich in
der Kirche anhäufen, desto mehr wird nicht
nur der christlichen Freiheit, sondern auch Christus
selbst und dem Glauben an ihn Abbruch getan, da
das Volk dann das, was es durch den Glauben allein
bei Gottes Sohn, Jesus Christus, suchen sollte,
bei den Gebräuchen sucht. Es genügen darum
den Frommen die wenigen bescheidenen, einfachen
und dem Worte Gottes nicht widersprechenden Gebräuche.
Finden sich nun in den Gemeinden unterschiedliche
Gebräuche, so halte niemand die Gemeinden deshalb
für uneins. Sokrates sagt: "Es wäre
unmöglich gewesen, alle Gebräuche der
Gemeinden in Städten und Ländern zu beschreiben.
Keine Religion beobachtet überall dieselben
Gebräuche, mag sie auch darüber dasselbe
lehren. Auch diejenigen also, die den gleichen Glauben
haben, unterscheiden sich voneinander in den Gebräuchen."
So weit Sokrates. Heute nun haben wir in unseren
Kirchen verschiedene Gebräuche bei der Feier
des Heiligen Abendmahls und in einigen anderen Dingen;
jedoch in der Lehre weichen wir deshalb nicht voneinander
ab, und weder die Einheit noch die Gemeinschaft
unserer Kirchen wird dadurch zerrissen. Immer aber
haben sich die Kirchen bei derartigen Gebräuchen,
weil es Mitteldinge sind, der Freiheit bedient.
Und so halten wir es auch heute.
Wir warnen indessen davor, zu den Mitteldingen etwas
zu rechnen, was in Wirklichkeit nicht zu den Mitteldingen
gehört, wie einige die Messe und den Gebrauch
von Bildern in der Kirche für Mitteldinge zu
halten pflegen. "Gleichgültig" ?
hat Hieronymus zu Augustin gesagt ? "ist das,
was weder gut noch böse ist, so dass man weder
Gerechtigkeit übt, noch ein Unrecht begeht,
ob man es tue oder nicht." Wenn deshalb Mitteldinge
mit dem Glaubensbekenntnis verquickt "erden,
so hören sie auf, frei zu sein. So zeigt Paulus,
man dürfe Fleisch essen, wenn niemand daran
erinnere, dass es den Götzen geweiht sei, sonst
sei es unerlaubt, weil der, der es esse, schon durch
dessen Genuss den Götzendienst zu billigen
scheine (1.Kor. 8,9ff.; 10,25ff.).
XXVIII. Kapitel: Das Kirchengeist
Die Güter der Kirche haben ihren Ursprung
in den Vergabungen von Fürsten und in der Freigebigkeit
der Gläubigen. die ihr Vermögen der Kirche
geschenkt haben. Denn die Kirche hat Mittel nötig
und besaß von altersher Vermögen zur
Befriedigung der kirchlichen Bedürfnisse. Der
richtige Gebrauch der Kirchengüter bestand
einst und besteht heute noch in der Erhaltung der
Lehre in Schulen und heiligen Versammlungen sowie
des Gottesdienstes, der kirchlichen Gebräuche
und des Kirchengebäudes, ferner in der Erhaltung
der Lehrer, Schüler und Diener sowie anderer
notwendiger Dinge, vor allem in der Unterstützung
und im Unterhalt der Armen. Darum soll man gottesfürchtige,
weise und in der Vermögensverwaltung kundige
Männer wählen, die das Kirchengut ordnungsgemäß
verwalten. Wenn aber die Kirchengüter wegen
der Unbill der Zeit oder durch Gewalttat, Unwissenheit
oder Habsucht gewisser Leute in Missbrauch geraten
sind. sollen sie von frommen und weisen Männern
wieder ihrem heiligen Gebrauch zugeführt werden.
Denn gegen solch kirchenschänderischen Missbrauch
darf man nicht nachsichtig sein. Daher lehren wir,
man müsse Schulen und Stifte, die in Lehre,
Gottesdienst Lind Sitten ausgeartet sind, umgestalten
und die Arinenpflege gottesfürchtig, in guten
Treuen und mit weiser Vorsicht handhaben.
XXIX. Kapitel: Der ledige Stand, die Ehe und der
Hausstand
Wer vom Himmel die Gabe der Ehelosigkeit hat. so
dass er von Herzen und von ganzem Gemüt rein
und enthaltsam ist und nicht von brennender Begierde
geplagt wird, der möge in diesem Beruf Gott
dienen. solange er sich mit diesem göttlichen
Geschenk begabt fühlt. und er erhebe sich nicht
über die andern. sondern diene dem Herrn ständig
in Einfalt und Demut. Diese Leute aber eignen sich
besser dazu. göttliche Dinge zu besorgen. als
solche, die durch private Familienpflichten abgelenkt
werden. Würde ihnen aber diese Gabe wieder
entzogen und würden sie eine ständige
Begierde verspüren, so mögen sie des Apostelwortes
gedenken: "Es ist besser zu heiraten, als sich
in Begierde zu verzehren" (1.Kor. 7,9).
Die Ehe nämlich ? ein Heilmittel für die
Unenthaltsamkeit und selber Enthaltsamkeit ? ist
von Gott, dem Herrn, selber eingesetzt, der sie
reichlich gesegnet hat und wollte, dass Mann und
Weib einander gegenseitig unzertrennlich anhangen
und in höchster Liebe und Eintracht zusammenleben
(Mt. 19,4ff.).Wissen wir doch auch, dass der Apostel
gesagt hat: "Die Ehe sei in Ehren bei allen
und das Ehebett unbefleckt" (Hebr. 13,4), und:
"Wenn die Jungfrau heiratet, so sündigt
sie nicht" (1.Kor. 7,28). Wir verwerfen aber
die Vielweiberei und die Ansicht derjenigen, die
die zweite Ehe verpönen. Wir lehren, die Ehe
sei ordnungsgemäß zu schließen
in der Furcht Gottes und nicht im Widerspruch zu
den Gesetzen, die einige Verwandtschaftsgrade verbieten.
damit keine blutschänderische Ehe entstehe.
Die Ehe soll geschlossen werden im Einverständnis
mit den Eltern oder ihren Stellvertretern, und zwar
hauptsächlich zu jenem Zweck, zu dem der Herr
die Ehe gestiftet hat, und soll öffentlich
in der Kirche mit Gebet und Einsegnung bestätigt
werden?. Endlich soll man sie heilig halten in unverbrüchlicher
Gattentreue, Anhänglichkeit, Liebe und Reinheit.
Man hüte sich vor Streit. Zwietracht. Lüsten
und Ehebruch. Es sollen daher in der Kirche ordnungsgemäße
Gerichte und fromme Richter bestellt werden. welche
die Ehen schützen und jede Unkeuschheit und
Schamlosigkeit abstellen, und von denen Ehestreitigkeiten
zu schlichten sind.
Die Kinder sollen von den Eltern in der Furcht des
Herrn erzogen werden. Ebenso sollen die Eltern für
die Kinder sorgen, eingedenk des Apostelwortes:
"Wenn aber jemand für die Seinigen und
besonders für die Hausgenossen nicht sorgt,
so hat er den Glauben verleugnet und ist schlimmer
als ein Ungläubiger" (1.Tim. 5,8). Besonders
aber sollen sie ihre Kinder einen ehrbaren Beruf
lernen lassen, mit dem sie ihr Brot verdienen können,
sollen sie dem Müßiggang entziehen und
ihnen in alledem wahres Gottvertrauen einpflanzen,
damit sie weder durch Misstrauen noch durch Vertrauensseligkeit
oder aus hässlicher Habgier auf Abwege kommen
und keine rechten Früchte zeitigen.
Und ganz gewiss sind jene Werke, die Eltern im wahren
Glauben tun, in Erfüllung der ehelichen und
häuslichen Pflichten, vor Gott heilig und wahrhaft
gut und gefallen Gott nicht weniger als Gebete,
Fasten und Almosen. So hat der Apostel Paulus auch
in seinen Briefen, besonders im 1.Timotheus? und
im Titusbrief gelehrt. Wir rechnen aber mit diesem
Apostel zu den Lehren des Satans die Lehre jener,
die die Ehe verbieten oder öffentlich tadeln
oder heimlich verdächtigen, als ob sie nicht
heilig und rein sei. Wir verabscheuen aber die unreine
Ehelosigkeit. Gier und verborgene und offenbare
Hurerei der Heuchler, die Enthaltsamkeit vortäuschen
und doch am allerwenigsten enthaltsam sind. Diese
alle wird Gott richten. Reichtum und Reiche. sofern
sie fromm sind und ihren Reichtum recht gebrauchen,
verwerfen wir nicht. Dagegen verwerfen wir die Sekte
der Apostoliker und ihresgleichen.
XXX. Kapitel: Die Obrigkeit
Jede Art von Obrigkeit ist von Gott selbst eingesetzt
zu Frieden und Ruhe des menschlichen Geschlechtes,
und zwar so, dass sie in der Welt die oberste Stellung
inne hat. Ist sie der Kirche feindlich gesinnt,
so kann sie diese schwer hindern und stören.
Ist sie ihr aber freundlich gesinnt und sogar ein
Glied der Kirche, so ist sie ein höchst nützliches
und hervorragendes Glied der Kirche, weil sie ihr
sehr viele Vorteile bieten und ihr schließlich
auch aufs allerbeste helfen kann.
Vornehmste Aufgabe der Obrigkeit ist es, für
den Frieden und die öffentliche Ruhe zu sorgen
und sie zu erhalten. Das kann sie natürlich
niemals auf glücklichere Weise tun, als wenn
sie wahrhaft gottesfürchtig und fromm ist,
das heißt nach dem Vorbild der allerheiligsten
Könige und Fürsten des Gottesvolkes die
Predigt der Wahrheit und den reiner Glauben fördert,
Lügen und jeden Aberglauben, samt aller Gottlosigkeit
und allem Götzendienst, ausrottet und die Kirche
schützt. Also lehren wir, dass einer christlichen
Obrigkeit die Sorge für die Religion in erster
Linie obliege.
Sie soll selbst Gottes Wort zur Hand haben und dafür
sorgen, dass nichts ihm Widersprechendes gelehrt
;werde. Sie regiere ferner das Volk, das ihr von
Gott anvertraut ist. mit guten, dem Worte Gottes
entsprechenden Gesetzen, und halte es in Zucht.
Pflicht und Gehorsam. Die Rechtsprechung übe
sie gerecht aus. sehe nicht die Person an und nehme
keine Geschenke entgegen; Witwen. Waisen und Bedrängten
stehe sie bei; Ungerechte, Betrüger und Gewalttätige
halte sie in Schranken und rotte sie sogar aus.
Denn nicht umsonst hat sie von Gott das Schwert
empfangen (Röm. 13,4). Sie ziehe deshalb dieses
Schwert Gottes gegen alle Verbrecher. Aufrührer,
Räuber und Mörder, Bedrücker, Gotteslästerer,
Meineidigen und gegen alle die, die Gott zu bestrafen
und sogar zu töten befohlen hat. Sie halte
in Schranken auch die unbelehrbaren Irrgläubigen
? die wirklich Irrgläubige sind! ?, wenn sie
nicht aufhören, Gottes Majestät zu lästern
und die Kirche Gottes zu verwirren. ja zugrunde
zu richten. Und falls es nötig ist. sogar durch
einen Krieg das Wohl des Volkes wahrzunehmen, so
unternehme sie in Gottes Namen den Krieg, sofern
sie vorher auf jede Weise den Frieden gesucht hat
und nicht anders als durch einen Krieg ihr Volk
retten kann. Und wenn die Obrigkeit dies im Glauben
tut, dient sie Gott mit alledem als mit wahrhaft
guten Werken und empfängt Segen vom Herrn.
Wir verwerfen die Lehre der Wiedertäufer, die
behaupten, ein Christ dürfe kein obrigkeitliches
Amt bekleiden und niemand dürfe von der Obrigkeit
mit Recht hingerichtet werden, oder die Obrigkeit
dürfe keinen Krieg führen, oder man dürfe
der Obrigkeit keinen Eid leisten und dergleichen
mehr.
Wie also Gott will. dass das Wohl seines Volkes
Pflichten der durch die Obrigkeit gewahrt werde,
die er der Welt Untertanen gleichsam wie einen Vater
gegeben hat. so ist auch allen Untertanen befohlen,
die in der Obrigkeit liegende Guttat Gottes anzuerkennen.
Man soll die Obrigkeit deshalb achten und ehren
als Dienerin Gottes; man soll sie lieben, ihr ergeben
sein, auch für sie wie für einen Vater
beten; man soll all ihren gerechten und billigen
Befehlen gehorchen und Steuern. Abgaben und was
derartige Schuldigkeiten sind. treulich und willig
bezahlen. Und wenn es das öffentliche Wohl
des Vaterlandes oder die Gerechtigkeit erfordert,
und die Obrigkeit notgedrungen einen Krieg unternimmt,
soll man auch das Leben dahingeben und sein Blut
für das gemeine Wohl und die Obrigkeit vergießen,
und zwar in Gottes Namen, willig, tapfer und frohgemut.
Wer sich aber der Obrigkeit widersetzt, der fordert
Gottes schweren Zorn gegen sich heraus.
Wir verwerfen deshalb alle Verächter der Obrigkeit:
Rebellen, Staatsfeinde, aufrührerische Taugenichtse
und alle, die sich je und je offen oder auf Umwegen
weigern, ihren schuldigen Pflichten zu genügen.
Wir bitten Gott,
unseren gütigsten Vater im Himmel. dass er
die Häupter des Volkes. auch uns und sein ganzes
Volk segne durch Jesus Christus, unseren einzigen
Herrn und Heiland; ihm sei Lob und Ehre und Dank
von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Amen.