| Verehrte Brüder und Schwestern im Glauben! "Die Deutsche Evangelische Kirche ist nach den Eingangsworten ihrer Verfassung vom 11. Juli 1933 ein Bund der aus der Reformation erwachsenen, gleichberechtigt nebeneinanderstehenden Bekenntniskirchen. Diese möchten sich durch ihre Vereinigung gemeinsam zu der kommenden Gottesgabe der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche im Sinn von Eph. 4, 4- 6 bekennen. Die theologische Voraussetzung der Vereinigung dieser Kirchen ist in Artikel 1, Artikel 2,1 und Artikel 4,1 der von der Reichsregierung am 14. Juli 1933 anerkannten Verfassung der Deutschen Evangeli-schen Kirche angegeben: Artikel 1: Die unantastbare Grundlage der Deutschen Evangelischen Kirche ist das Evangeli-um von Jesus Christus, wie es uns in der heiligen Schrift bezeugt und in den Bekenntnissen der Reformation neu ans Licht getreten ist. Hierdurch werden die Vollmachten, deren die Kirche für ihre Sendung bedarf, bestimmt und begrenzt. Artikel 2,1: Die Deutsche Evangelische Kirche gliedert sich in Kirchen (Landeskirchen). Artikel 4,1: Die Deutsche Evangelische Kirche will die in ihr geeinte deutsche evangelische Christenheit für die Erfüllung des göttlichen Auftrages der Kirche rüsten und einsetzen. Sie hat deshalb von der Heiligen Schrift und den reformatorischen Bekenntnissen her sich um eine einheitliche Haltung in der Kirche zu bemühen und der kirchlichen Arbeit Ziel und Rich-tung zu weisen." Mit diesen Worten beginnt die theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage in der deut-schen Evangelischen Kirche. Sie will mit ihnen Nachstehendes zum Ausdruck bringen: Die Bekenntnissynode der deutschen Evangelischen Kirche ist nicht gleichbedeutend mit der Gründung einer neuen Kirche. Vielmehr setzt sie sich zusammen aus Vertretern derjenigen Bekenntniskirchen, wel-che im Jahre 1933 durch die Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche in diese zu-sammengefasst wurden. Sie ist also Vertretung in rechtmäßiger Nachfolge der bisherigen Landeskirchen. In der Zusammenfassung durch die Verfassung von 1933 lag nach dem Wil-len des Gesetzgebers nicht, dass die bestehenden Kirchen aufhören sollten zu sein, was sie sind: Bekenntniskirchen. Darum trug die Zusammenfassung den Charakter eines Bundes, in welchem weitergeführt wurde, was im Deutschen Evangelischen Kirchenbund bereits ange-strebt worden war. Jede Veränderung dieser Art der Zusammengehörigkeit hätte unabsehbare rechtliche und vor allen Dingen kirchliche Folgen nach sich gezogen. Die Verfassung bringt zum Ausdruck, dass die Deutsche Evangelische Kirche nur auf bestimmten kirchlichen und theologischen Voraussetzungen aufgebaut werden kann. Darum dürfen ihr auch nur be-stimmte theologische und kirchliche Ziele gesteckt werden. Diese Voraussetzungen und diese Ziele ergeben sich für die Deutsche Evangelische Kirche allein " aus dem Evangelium von Jesus Christus, wie es uns in der heiligen Schrift bezeugt und in den Bekenntnissen der Re-formation neu ans Licht getreten ist." Damit ist ausgesprochen, dass der Ausgangspunkt der Arbeit und der erwünschten Entwicklung die bestimmte, durch den Charakter der einzelnen Bekenntniskirchen festgelegte Grundlage eben dieser Bekenntniskirchen ist. Diesen Tatbe-stand hat die Reichsregierung unter dem 14. Juli 1933 gesetzlich anerkannt. Unser Standort Auf dem Grund dieser theologischen Voraussetzungen und mit gutem Gewissen gegen das Deutsche Reich - auf Grund dieser seiner Gesetzgebung - bestimmt die Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche ihren Standort so: "Wir, die zur Bekenntnis- Synode der Deutschen Evangelischen Kirche vereinigten Vertreter lutherischer, reformierter und unierter Kirchen, freier Synoden, Kirchentage und Gemeinde-kreise erklären, dass wir gemeinsam auf dem Boden der Deutschen Evangelischen Kirche, d. h. dieses Bundes der deutschen Bekenntniskirchen stehen. Uns fügt dabei zusammen das Be-kenntnis zu der einen Kirche Jesu Christi, welches bei der Vereinigung der Bekenntniskirchen zur Deutschen Evangelischen Kirche ausgesprochen ist." Damit bringt die Bekenntnissynode zum Ausdruck, dass man ihr nur zu Unrecht ein Verlassen der Bekenntnis-, Verfassungs- und Rechtsgrundlage vorwerfen kann. Wir sind keine Rebel-len; aber wir müssen um unserer Verantwortung willen vor Gott und Menschen fordern, dass weder uns noch anderen durch Verrückung der Bekenntnis- und Rechtsgrundlage die Mög-lichkeit genommen wird, dieser unserer Verantwortung gerecht zu werden. Wir können nicht mit gutem Gewissen Glieder der Deutschen Evangelischen Kirche sein, wenn sie nicht in Worten und Handlungen dem Tatbestande Rechnung trägt, dass sie in ihrer Verfassung mit ganzem Ernst und ohne Vorbehalt sich auf jene Bekenntnisgrundlage bezieht. Uns wäre es unmöglich gemacht, weiter in der Deutschen Evangelischen Kirche zu verbleiben, wenn die angezogenen Artikel der Verfassung etwa nur den Sinn hätten, hinter ihrem Schutz allmählich eine grundsätzliche Umwandlung des Wesens der Deutschen Evangelischen Kirche zu voll-ziehen. Der Notstand Man könnte uns fragen, inwiefern wir zur Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche gerade in dieser Zusammensetzung uns versammelt haben. Denn wir sind ein Kreis, der sich zusammensetzt aus gesetzlichen Vertretern deutscher Kirchen, aber auch aus freien Vertretern freier Synoden, Kirchentage und Gemeindekreise, denen die gesetzlich anerkannte Berufung noch abgeht. Wir haben aber dabei ein gutes Gewissen. Nicht aus Vorwitz haben wir uns versammelt und nicht in Übereilung, sondern es haben sich hier die Vertreter solcher Kirchenkörper und solcher freien Kreise zusammengefunden, welche überzeugt sind, dass es nunmehr des Einsatzes aller Kräfte, und zwar ohne Verzug, bedarf, weil ein Notstand, näm-lich Bekenntnis- und Rechtsnot, eingetreten ist. Aus diesem Notstand, der die Bekenntnis- und Verfassungsgrundlagen der Deutschen Evangelischen Kirche bis aufs äußerste gefährdet, erklärt und rechtfertigt es sich, dass wir hier in dieser Zusammensetzung uns versammelt ha-ben. Dem bestehenden Notstand geben wir mit folgenden Worten Ausdruck: "Wir erklären aber vor der Öffentlichkeit aller evangelischen Kirchen Deutschlands ebenso gemeinsam, dass die Einheit dieses Bekenntnisses und damit auch die Einheit der Deutschen Evangelischen Kirche aufs schwerste gefährdet ist. Sie ist nämlich bedroht durch die in dem ersten Jahr des Bestehens der Deutschen Evangelischen Kirche mehr und mehr sichtbar ge-wordene Lehr- und Handlungsweise der herrschenden Kirchenpartei der Deutschen Christen und des von ihr getragenen Kirchenregimentes. Diese Bedrohung besteht darin: dass die theo-logische Voraussetzung, in der die Deutsche Evangelische Kirche vereinigt ist, sowohl seitens der Führer und Sprecher der Deutschen Christen, als auch seitens der Kirchenregimente dau-ernd und grundsätzlich durch fremde Voraussetzungen durchkreuzt und unwirksam gemacht wird. Bei deren Geltung hört die Kirche nach allen bei uns in Kraft stehenden Bekenntnissen auf, Kirche zu sein. Bei deren Geltung wird also auch die Deutsche Evangelische Kirche als Bund der Bekenntniskirchen innerlich unmöglich". Unsere Bekenntnisgemeinschaft ist also nach der positiven und nach der negativen Seite hin begründet. Uns Vertreter dieser Synode eint das gemeinsame Bekenntnis zu der einen Kirche Jesu Christi; uns eint der verfassungs- und rechtmäßig feststehende Grund und das Ziel der Deutschen Evangelischen Kirche. Uns eint aber eben so sehr der unerhörte, Grundlage und Wesen der Deutschen Evangelischen Kirche zerstörende Angriff, welchem die Deutsche E-vangelische Kirche seit mehr als einem Jahre ausgesetzt ist. Wir würden uns vor Gott versün-digen, wir würden auch die uns gebotene Liebe zu Volk und Vaterland verleugnen, wenn wir dieses Unrecht nicht mit dem Ausdruck des schärfsten Protestes vor der deutschen Öffent-lichkeit darlegen würden. Denn die Einheit des Bekenntnisses zu der einen Kirche Jesu Chris-ti ist in der Deutschen Evangelischen Kirche aufs schwerste gefährdet. Damit droht die Deut-sche Evangelische Kirche überhaupt auseinander zu fallen. Denn nur in diesem Bekenntnis gibt es Deutsche Evangelische Kirche. Offenbar geworden ist die Gefährdung sowohl durch die Handlungsweise der herrschenden Kirchenpartei der Deutschen Christen als auch durch die von ihr getragene Reichskirchenre-gierung. Dabei handelt es sich nicht um gelegentliche Versehen einzelner, denen man auf dem Verwaltungswege begegnen und sie so beseitigen könnte; sondern es handelt sich um falsche Lehre auf der ganzen Front und um ein Verhalten, das nicht nur gelegentlich, sondern grund-sätzlich und in seiner ganzen Breite dem Evangelium, den in Kraft stehenden Bekenntnissen und der Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche widerstreitet. Wir müssten dicke Bände schreiben, um die Unsumme von Gewalttaten, Unrecht, Rechtsbeugung und Rechts-bruch aufzuzählen, in welchen diese Handlungsweise sichtbar geworden ist. Nicht mit Un-recht werden wir den neuesten Annäherungsversuch der Deutschen Christen an uns (vgl. die Pläne einer Aussprache in Erlangen) so deuten, dass auch ihnen selbst aufzugehen beginnt, welche unabsehbaren Folgen aus der bisher vertretenen falschen Lehre und aus den bisher begangenen unkirchlichen und rechtswidrigen Handlungen sich ergeben werden. Auch sieht jeder Einsichtige, dass die heillose Verwirrung der durch die Reichskirchenregierung geübten Gesetzgebung kaum noch übertroffen werden kann. Wenn man auch hin und wieder den gröbsten Entgleisungen auf dem Gebiet der Lehre widerstand, so sehen wir mit Schrecken, dass dieser Widerstand nur dann erfolgte, wenn taktische Erwägungen ihn erwünscht erschei-nen ließen. Die von uns angefochtenen lehrhaften Äußerungen und die daraus fließenden unchristlichen und widerrechtlichen Handlungen sind aber nicht der tiefste Grund unseres Protestes. Viel-mehr geht dieser Protest entscheidend gegen diejenigen der Kirche art- und wesensfremden Voraussetzungen, mit denen die Reichskirchenregierung eben so wohl wie Führer und Spre-cher der Deutschen Christen die theologischen Voraussetzungen der Deutschen Evangeli-schen Kirche dauernd und grundsätzlich durchkreuzt und unwirksam gemacht haben. Unser Protest ist also nicht ein zufälliger und gelegentlicher, sondern ein grundsätzlicher. Er ist nur so verständlich, dass er aus einer anderen Wurzel erwächst wie die grundsätzliche Haltung der Deutschen Christen und der Reichskirchenregierung. In dieser anderen Wurzel liegt viel mehr die drohende Auflösung der Deutschen Evangelischen Kirche schlechthin begründet, als in dem vielfach begangenen Unrecht und den häufig geäußerten lehrhaften Ungeheuerlichkeiten. Weil aber die Dinge, um die es geht, so tief greifen, ist auch die Einheit, die uns in unserer Synode zusammenführt, so tief begründet, dass sie nur durch Abfall unserer Glieder vom lau-teren Evangelium gefährdet werden könnte. Das aber möge Gott in Gnaden verhüten! Die Bekenntnisgemeinschaft Wenn nun jemand sagen wollte, dass die Einheit, die uns zusammenführt, eine unredliche Einheit ist, oder ein neuer Versuch, die alte Union wieder zu erneuern, so müssen wir auf das schärfste protestieren, auch dann, wenn uns dieser Einwand eben nicht aus taktischen und propagandistischen Erwägungen heraus gemacht würde. Wir bestimmen das Verhältnis der in unserer Gemeinschaft vorhandenen Konfessionen wie folgt: "Wir dürfen aber auch nicht schweigen, da uns in einer Zeit gemeinsamer Not tatsächlich ein gemeinsames Wort des Glaubens in den Mund gelegt ist. Wir befehlen es Gott, was diese Tat-sache für das Verhältnis der Bekenntniskirchen untereinander für die Zukunft bedeuten mag." Als Lutheraner, Reformierte und Unierte sind wir heute zusammenkommen. Eine frühere Zeit hat meinen können, dass die zwischen uns noch unerledigten Fragen unwesentlich seien. Wir erachten es als ein Geschenk Gottes, dass wir in den letzten Jahren gelernt haben, wie wesent-lich diese Fragen sind. Es seien nur einige dieser Fragen genannt: Wie kann und soll etwa das vor mehr als 300 Jahren abgebrochene Gespräch zwischen Lutheranern und Reformierten über das heilige Abendmahl, über die Lehre von Christus, über die Erwählung wieder aufge-nommen werden? - Kann und darf man die Union als Bekenntniskirche parallel den lutheri-schen und reformierten Kirchen bezeichnen? - Hat die Union überhaupt ein Bekenntnis? - Uns ist bewusst, dass diese und andere Fragen noch ihrer einheitlichen Beantwortung unter uns harren, und nichts liegt uns ferner, als sie in irgendeinem Sinne zu verharmlosen. Dabei ist uns bewusst, dass die neuerworbenen Erkenntnisse über den Unterschied des genuin Reformatorischen und der später aufkommenden orthodoxen Theologien erheblicher ist, als man lange Zeit meinte. Uns als Schülern der Reformatoren geht es darum, das Gespräch dort wieder anzuknüpfen, wo es im 16. Jahrhundert abgebrochen worden ist, nicht aber darum, den Ausgangspunkt im 17. Jahrhundert zu nehmen. Wird das beachtet, dann wird das Verhältnis der Konfessionen sehr viel echter. Wir sind der Überzeugung, dass die Erkenntnis von diesem Unterschiede bei uns sehr viel klarer und theologischer ist als bei unseren Gegnern, und wir verabscheuen es, die konfessio-nelle Frage mit einer politischen zu verquicken, als ob der Unterschied zwischen Luthertum und Calvinismus durch völkische Verschiedenheiten erklärt werden könnte. Aber bei dieser Erkenntnis können wir nicht umhin, jetzt gemeinsam zu reden und gemeinsam zu kämpfen. Denn der Angriff auf die christliche Substanz, wie er von seiten der Deutschen Glaubensbe-wegung und von seiten der Deutschen Christen erfolgt, liegt restlos außerhalb des Verhältnis-ses der Konfessionen. Wir vermögen die Deutschen Christen nicht anders zu verstehen denn als die Vorläufer und - gewiss meist ungewollt - Vorkämpfer der Deutschen Glaubensbewe-gung selbst. Damit wollen wir nicht gesagt haben, dass es unter ihnen nicht Menschen gäbe, die nur aus einem Irrtum heraus sich in der Front der Deutschen Christen befinden; aber so lange sie sich dort befinden, können wir sie nur mit den extremen Gegnern zusammen in einer Front stehend erblicken. Daran ändert auch nichts der kürzlich von den Deutschen Christen eingeschlagene Kurs, solange wir nicht der Überzeugung sind, dass die neuerliche Betonung des lutherischen Bekenntnisses bei den Deutschen Christen aus anderen als aus taktischen Erwägungen erfolgt. Hierzu muss von ihnen der Beweis geliefert werden, indem sie durch sichtbare Zeichen den Willen bekunden, die durch ihre Mitschuld herbeigeführte Zerstörung der Reste evangelischer Kirchen in Deutschland wiedergutmachen zu wollen. Die Bekenntnisgemeinschaft in Zukunft Es erhebt sich die Frage, wie wir uns unsere Bekenntnis- und Arbeitsgemeinschaft in Zukunft denken. Wir können nur antworten, dass wir das nicht wissen und nicht den Mut haben, Gott in sein Weltregiment hineinzupfuschen. Denn wir sehen unsere Bekenntnisgemeinschaft so: Gott hat sie - und nicht wir haben sie herbeigeführt. Denn unsere theologische Entwicklung ging, weit entfernt davon, eine Annäherung der Konfessionen herbeizuführen, vielmehr in der Richtung, dass wir uns unseres Konfessionsstandes von Tag zu Tag mehr bewusst wurden. Darum mag Gott sehen, nachdem er uns diese große und schöne Gemeinschaft gegeben hat, wie es weiter geht. Wir trauen ihm zu, dass er es herrlich hinausführt. Nachdem es denn vor aller Welt Augen ist, dass Gott uns ein gemeinsames Wort des Glau-bens bereits seit langem in den Mund gelegt hat, versuchen wir jetzt auch, diesem gemeinsa-men Wort Ausdruck zu verleihen: "Wir bekennen uns angesichts der die Kirche verwüstenden und damit auch die Einheit der Deutschen Evangelischen Kirche sprengenden Irrtümer der Deutschen Christen und der ge-genwärtigen Reichskirchenregierung insbesondere zu folgenden evangelischen Wahrheiten, die auf Grund der theologischen Voraussetzung der Deutschen Evangelischen Kirche not-wendig Geltung beanspruchen und deren Leugnung oder Verkehrung gegen die Heilige Schrift und gegen die Bekenntnisse verstößt." Die sechs Sätze, die nun folgen, sind nicht zu verstehen als Verhandlungsbasis mit unseren Gegnern, als könn-te noch etwas davon abgemarktet werden, als könnten wir uns von diesen Ausgangspunkten aus auf einer gemeinsamen, mittleren Linie mit unseren Gegnern einigen. Sondern sie sind zu verstehen als conditio sine qua non. Das zu bezeugen, ist uns ein sehr ernstes Anliegen; denn der gegenwärtige Kampf in der Kirche ist wahrlich keine Parteiauseinandersetzung im Sinne der letzten 14 Jahre, sondern es geht hier um letzte Dinge. 1. "Jesus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich (Joh. 14,6). Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Mörder. Ich bin die Tür; so jemand durch mich eingeht, der wird selig werden (Joh. 10,1.9.)" Jeder unserer Sätze beginnt mit einer Schriftstelle, in welcher nach unserer Überzeugung eine ganze Reihe von Schriftstellen zusammen gefasst sind, die Gehorsam heischend vor uns treten und zeigen, dass es uns nicht um programmatische Forderungen geht, über die man allenfalls noch reden kann, sondern dass wir auf Leben und Seligkeit hin gerufen sind. Wir stehen an einem Ort der Kirchengeschichte, an welchem nach unserer Überzeugung versucht wird, an einer anderen Stelle in den Schafstall einzusteigen als durch die Tür. Wir stehen an einem Punkt der Kirchengeschichte, an dem jedem, dem Gott Glauben gegeben hat, einsichtig ge-worden sein muss, dass es um die Rettung und Seligwerden von Sündern geht. Mag die Frage der Art des Einsatzes der Kirche im Dritten Reich eine dringende Frage sein, so wissen wir, dass es für die Kirche noch viel dringlicher ist, ob wirklich durch die Tür in den Schafstall gehen. Uns ist für die heutige Zeit dieses Verständnis dieser Bibelstelle gegeben: "Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben." Dieser Absatz besagt, dass es die Aufgabe ist, und zwar die einzige und vordringliche Aufga-be der Kirche, Jesus Christus zu predigen. Es ist nur durch einen Irrtum möglich, ihn als Idee zu predigen, die in der Geschichte mehr oder weniger verwirklicht wird. Wäre es so, dann wäre die Deutung einer gegenwärtigen Geschichte und die Verkündigung von Jesus Christus ein und dasselbe. Vielmehr ist es so, dass Jesus Christus nicht verwirklichte Idee, sondern ins Fleisch gekommener Gott ist, der sich erniedrigt hat, um uns vor den Versuchen der Selbster-höhung und der Selbstüberhöhung zu erlösen, der noch heute zu uns kommt in seinem Wort als der einmal Erniedrigte. Denn er selbst ist das Wort, das von Anfang an war, das in der Zeit erschienen ist und das uns offenbar wird bei der Predigt, die in der Gemeinde geschieht. Dar-aus folgt aber, dass in der Gemeinde nur er gehört werden soll. Alles Vertrauen und aller Ge-horsam, der im Leben und Sterben getätigt wird, darf nur Vertrauen und Gehorsam ihm ge-genüber sein. Wo er im Leben oder Sterben einen Grund schenkt, ist dieser Grund so viel fes-ter als alle anderen, die man nennen möchte, dass diese anderen Grundlagen im Leben und Sterben schlechthin nicht wert sind, neben ihm genannt zu werden. Wo ein Anspruch von ihm her uns im Leben oder Sterben trifft, ist dieser Anspruch so dringlich, dass alle anderen noch so ernsten Ansprüche in diesem Augenblick als Gehorsamsforderung hinfällig sind, wo er Gehorsam von uns erheischt. Eben dieses wird heute von denen bestritten, die sich fälschlicherweise auch Kirche nennen. "Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung hören, anerkennen und verkündigen." Wir dürfen um unseres Herrn Jesu Christi willen nicht müde werden, immer wieder zu beto-nen, dass es falsche Lehre ist, wenn man neben die Bindung an das in Christo fleischgewor-dene Wort und das in ihm gepredigte Wort noch andere Bindungen für die Kirche stellt. Das geschieht heute. Man ist dauernd und nachhaltig an die Kirche und ihre Glieder mit dem An-spruch herangetreten, die Ereignisse des Jahres 1933 als bindend für Verkündigung und Schriftauslegung, als Gehorsam heischend neben der Heiligen Schrift und über ihren An-spruch hinaus anzuerkennen. Wenn wir dagegen protestieren, dann protestieren wir nicht als Volksglieder gegen die jüngste Geschichte unseres Volkes, nicht als Staatsbürger gegen den neuen Staat, nicht als Untertanen gegen die Obrigkeit, sondern wir erheben Protest gegen die-selbe Erscheinung, die bereits seit 200 Jahren die Verwüstung der Kirche schon langsam vor-bereitet hat. Denn es ist nur ein relativer Unterschied, ob man neben der Heiligen Schrift in der Kirche geschichtliche Ereignisse oder aber die Vernunft, die Kultur, das ästhetische Emp-finden, den Fortschritt oder andere Mächte und Größen als bindende Ansprüche an die Kirche nennt. Alle diese Größen können die Verkündigung von Christus nicht begrenzen, sie können auch nicht neben Christus als Gegenstände der Verkündigung treten, sie können vielmehr in der Verkündigung keinen anderen Raum haben als diesen: Sie sind verschiedene Malzeichen der einen und im Grunde unveränderten Welt, die in Christus, aber nur in Christus Erlösung finden kann. 2. Wir wissen uns gerufen, gerade heute zu sagen, worin das Werk Christi für uns, an uns und in uns besteht. Wir müssen diesem Ruf folgen, damit wir als Lehrer, Diener und Kirche die Menschen, soweit möglich, vor einer Verwechselung des Werkes Christi mit anderen Werken bewahren. Das Werk Christi ist zusammenfassend ausgedrückt in den Worten der Schrift: "Jesus Christus ist uns gemacht von Gott zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heili-gung und zur Erlösung (1.Kor. 1,30.)" Dieses Bibelwort fasst die Botschaft der Heiligen Schrift so zusammen, dass offenbar ist: Das Werk Jesu Christi ist nicht eine Teilerscheinung in einem in sich selbst ablaufenden Erlö-sungsprozess der Menschen, es ist auch in keinem Sinne Fundament für ein von Menschen zu leistendes Werk, sondern es ist als sein, und nur als sein Werk umfassend. Es begreift in sich alles, was Gott zur Behebung menschlicher Elends getan hat, tut und tun wird. Es leidet kei-nerlei Ergänzung und Unterstützung von seiten sündiger, ungläubiger oder gläubiger Men-schen. Es ist allgenugsam und erträgt darum auch keinerlei Zerteilung und Zerspaltung. Wir glauben, diesem Bibelwort heute folgende Auslegung geben zu müssen: "Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit glei-chem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn wider-fährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen." Wir versuchen also, dem umfassenden Charakter des Werkes Christi Ausdruck zu verleihen, dass er uns nicht nur aus der Sünde in den Stand der Gnade versetzt, um uns dann uns selbst zu überlassen, sondern dass er vielmehr uns darum aus Gottlosigkeit und Sünde erlöst, damit wir sein eigen seien und unter ihm leben, so dass seine Gegenwart in dem von ihm geschenk-ten Leben als richtender und uns rettender Anspruch dauernd an uns herantritt, aber zugleich uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt bedeutet, so dass wir ihm frei und dankbar an seinen Geschöpfen dienen. Denn nicht darum lehnen wir es ab, dass neben ihn und sein Wort in der Heiligen Schrift noch andere Offenbarungsquellen treten, weil wir uns etwa gerufen wüssten, eine bestimmte theo-logische Erkenntnistheorie durchzufechten. Vielmehr geschieht unser Protest gegen andere Offenbarungsquellen in der Erkenntnis, dass der Anspruch solcher anderen Quellen ein An-spruch göttlicher Bindung und damit eine Leugnung der in Christo uns widerfahrenen Weis-heit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung ist. Wer uns vorwirft, dass unsere Verkündigung kein Verständnis für die göttliche Schöpfung und das göttliche Weltregiment habe, der macht uns diese Vorwürfe aus Unverstand oder aus Böswilligkeit. Wir erfahren die Schönheit der Kreaturen Gottes und ihre Dämonie, wir erfah-ren Höhepunkte und Tiefstände in der unter Gottes Weltregiment sich vollziehenden Ge-schichte genau so wie andere Leute. Was wir aber mehr fürchten als den Tod, ist die Tatsache, dass die Kreaturen Gottes und Geschehnisse der Geschichte uns in Versuchung führen, wie sie im Lauf der Geschichte alle Menschen in Versuchung geführt haben. Diese wurden zu Heiden, wenn sie der Versuchung unterlagen, aus ihnen und in ihnen Gott ohne Christus zu suchen. Wo immer das geschieht, ob unter heidnischen oder christlichen Vorzeichen, voll-zieht sich eigene Weisheit, eigene Gerechtigkeit, eigene Heiligung, eigene Erlösung. Es ge-winnen andere Herren als Jesus Christus, andere Gebote als seine Gebote über uns Gewalt. Sie bieten sich uns an als Erlöser, aber sie erweisen sich als Folterknechte einer unerlösten Welt. Darum ermahnen wir alle Christen, sich mit äußerstem Fleiß vor der Irrlehre zu hüten, als könne man Rechtfertigung und Heiligung auseinanderreißen. Wir warnen alle vor dem Missbrauch des göttlichen Angebotes, in welchem man Zuspruch der Sündenvergebung will, aber Gottes Anspruch auf Grund der Sündenvergebung verweigert. Diese Erkenntnisse fassen wir so zusammen: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als gäbe es Gebiete unseres Lebens, auf denen wir nicht Jesus Christus, sondern Herren außer ihm gehören, nicht seinem, sondern einem von ihm un-abhängigen Gebot verantwortlich wären." Nun ist uns sehr wohl bekannt, dass solche Erkenntnis und solcher Glaube nur der christlichen Kirche gegeben ist, und also auch nur von ihr und ihren Gliedern, vor allem aber von ihren Dienern verlangt werden kann. Darum würden wir auch in einem anderen Ton sprechen und sprechen müssen, wenn wir zu der Welt sprächen, die keinen Wert darauf legt, Kirche zu sein. Wir sprechen aber zu der Welt, die den Anspruch erhebt, Kirche zu sein, und den Christen, die sich dieser Welt verbündet haben. Um diese zu locken und zurückzurufen, müssen wir sie, in deutlicher Absetzung zu ihnen, bekämpfen. Würden wir zu der Welt reden, die nicht Kirche sein will, so würden wir sie damit, dass wir sie locken, bekämpfen. 3. Aus diesem Grunde haben wir auch an die Brüder und Schwestern, die mit uns in der Be-kenntnisgemeinschaft zusammen sind, keine dringlichere Mahnung als diese, dass sie recht Kirche seien und als Glieder der Kirche in Bewusstheit kämpfen. Wir finden, dass diese bibli-sche Mahnung ihren zusammenfassenden Ausdruck findet in Eph. 4,15.16: "Lasset uns aber rechtschaffen sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus, von welchem aus der ganze Leib zusammengefügt ist (Eph. 4,15- 16.)" Wenn der Apostel so spricht, so redet er nicht von einer moralischen Rechtschaffenheit oder von einer dem Blut erwachsenen Liebe. Täte er das, dann würde er von einer menschli-chen Gesellschaftsform, aber nicht von der Kirche reden. Denn die Kirche wird nicht aus bür-gerlicher Rechtschaffenheit und blutmäßiger Liebe, sondern sie wird aus Christi Gerechtigkeit und Christi Liebe. So allein kann sie etwas anderes sein als Größe innerhalb der menschlichen Gesellschaft und als soziologische Größe; so allein kann sie in rechtschaffener Liebe zusam-mengefügter Leib sein, an welchem Christus das Haupt ist. Würden wir von der Kirche nicht glauben, dass sie etwas anderes ist als menschliche Gesellschaftsform, so würden wir den ganzen von uns geführten Kirchenkampf als unberechtigt, ja als verbrecherisch halten. So aber glauben wir von der Kirche dies gemeinsam bekennen zu müssen: "Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus als der Herr ver-kündigt wird. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde und selber als die Kirche der Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung und in Er-wartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte." Wenn in der Gemeinschaft der Brüder, die nicht aus Geburt, sondern aus Wiedergeburt Brü-der sind, Jesus Christus als der Herr verkündigt wird, so geschieht etwas grundsätzlich ande-res, als wenn eine weltanschauliche oder kulturelle Gemeinschaft sich die Pflege ihrer Über-zeugungen angelegen sein lässt. Denn in der Verkündigung Jesu Christi als des Herrn ge-schieht es, dass die in der Kirche Zusammen gefassten neue Schöpfung werden, wie Christus spricht: "Ihr seid rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe."Darum ist es we-sentlich, dass die Kirche mit ihrem Wort bezeuge und durch die Art ihres Daseins ein aufge-richtetes Zeichen sei, durch das sie nur Kirche ist als Eigentum Jesu Christi, dass sie nur leben kann von seinem Trost und seiner Weisung. Sie bezeugt, in diesem Trost und in dieser Wei-sung so reich geworden zu sein, dass sie auch nicht mehr anders leben möchte. In dieser Wei-se ist die Kirche Missionarin der Welt, indem sie nämlich unter allen menschlichen Gesell-schaftsformen als besonderes Zeichen in die Augen fällt, und in ihrer Verkündigung deutet, warum es so und nicht anders mit ihr bestellt ist. Das gilt von der Kirche unbeschadet der Tat-sache, dass sie für die Gemeinschaft der Brüder, die im Wort rein geworden sind, dennoch zugleich eine Gemeinschaft der Sünder ist, aus demselben Blut und von derselben Herkunft wie die Kinder der Welt. Wie könnte sie sonst Mission treiben, wenn sie nicht in Wort und Wandel bezeichnete, dass gerade so unvollkommene, so verlorene, so gottlose Menschen wie die Glieder der Kirche zu dem werden und das sein können, was sie als Glieder der Kirche sind: im Worte durch das Blut Jesu Christi gereinigte Gotteskinder. Diese Botschaft und diese Existenz wird aber der Kirche unmöglich gemacht in dem Augen-blick, wo man die Grenze zwischen ihr und der Welt verwischt. Das geschieht immer dann, wenn das freie Belieben der Sünder und nicht mehr das unwandelbare Wort Gottes von der Vergebung in Christo die Kirche beherrscht. Wir verstehen sehr wohl, dass man die Wünsche unserer Zeitgenossen und den Wechsel ihrer Überzeugung als kirchenbildende Macht in den Raum der Kirche hineinbeziehen möchte. Man möchte der Welt deutlich machen, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, kirchlich und christlich zu sein, um auf diese Weise die Welt zu missionieren. Aber gerade dagegen müssen wir protestieren. Denn so wenig wie die Unterta-nen sich damit bei der Obrigkeit beliebt machen können und dürfen, dass sie obrigkeitliche Allüren annehmen, so wenig der Lehrer ein guter Lehrer wird dadurch, dass er mit den Schü-lern gemeinsame Sache macht, so wenig wird die Kirche dadurch missionstüchtig, dass sie sich mit der Welt, welche durch sie missioniert werden soll, auf eine Ebene stellt. Es muss jeder sich selbst treu bleiben, sonst kann er seinem Nächsten nicht dienen. Es muss die Kirche Kirche bleiben, sonst kann sie nicht missionarisch wirken. 4. Darum muss auch die Gestaltung der Kirche ihrem innersten Wesen entsprechen. Unser Herr Christus spricht: "Ihr wisset, dass die weltlichen Fürsten herrschen, und die Oberherren haben Gewalt. So soll es nicht sein unter euch; sondern so jemand will unter euch gewaltig sein, der sei euer Diener (Matth. 20,25.26.)" Christus wendet sich nicht dagegen, dass im Raume der Welt die Fürsten herrschen und die Oberherren Gewalt haben. Auch uns ist es eine ernste Sorge, dass wir diesem Rechte der Welt Rechnung tragen. Aber ebenso ernst möchten wir als Lehrer, Diener und Glieder der Kirche gerade in diesem Punkte uns nach dem Wort des Herrn von den weltlichen Fürsten und Ober-herren unterschieden wissen. "So soll es unter euch nicht sein." Mit diesem Wort zeigt Chris-tus klar und deutlich, dass die Gemeinde nur als Umkehrung der Welt Bestand hat und nur dann ihrer Verpflichtung nachkommt, wenn sie diese Umkehrung des weltlichen Schemas auch zum Ausdruck bringt. Im Blick auf die Gestaltung der Kirche verstehen wir das angezo-gene Wort unseres Herrn so: "Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die ande-ren, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes." Auch in der Kirche gibt es ein Unten und Oben, ein Geführtwerden und ein Führen. Pfarrer und Gemeinden sind gehalten, ihrer rechtmäßigen kirchlichen Obrigkeit zur rechten Zeit die Kollekten und Steuernachweisungen einzuliefern, die Statistiken aufzustellen, die Ordnung der Kirche bei Wahlen und im Gottesdienst aufrechtzuerhalten. Aber wehe der Kirche, wenn dieses Obrigkeitsverhältnis zum Wesen der Kirche wird. Schon einmal in der Geschichte der christlichen Kirche ist es dazu geworden: im Papsttum des Mittelalters. Zum zweiten Male wird es heute so. Denn die in der Kirche zur Herrschaft gekommene Führeridee beschränkt sich gerade nicht auf Kollektennachweisung, Steuereintreibung, Statistiken und äußere Ord-nung des kirchlichen Lebens, sondern sie bestimmt gewisse inhaltliche Bedingungen, ohne deren Erfüllung es nach ihrer Meinung weder geistliches Amt noch Presbyterium, noch Kir-chenvorstand, noch Stimmen der Gesamtgemeinde in der Synode geben soll. So wird aus dem anvertrauten und befohlenen Dienst eine selbstgewählte und usurpatorisch an sich gerissene Herrschaft. Aus dem: "So soll es unter euch nicht sein" wird ein- "Noch schlimmer soll es unter euch sein". Auf Grund der neutestamentlichen Verkündigung erkennen wir also die Möglichkeit und die Notwendigkeit verschiedener Ämter in der Gemeinde an. Wir wissen auf Grund des Befundes im Neuen Testament, dass über Art und Zahl der verschiedenen Ämter keine endgültige und überall einzuführende Ordnung steht. Wir meinen, dass in der christlichen Gemeinde eine bischöfliche und eine presbyteriale Verfassung sein kann. Wir sind aber auch überzeugt, dass in der christlichen Gemeinde sowohl unter der bischöflichen Verfassung als auch unter der presbyterialen Verfassung der Teufel zur Herrschaft kommen kann. Keine der möglichen Ver-fassungen garantiert christlichen Brauch und christliches Leben. Vielmehr sollen Verfassun-gen der Kirche der Versuch sein, ein Zeichen aufzurichten, welches der Welt deutlich macht, was der Herr sagt: "So soll es unter euch nicht sein." Präses und Bischof, Bischof und Präses, Pastor und Diakon, Diakon und Pastor sind im umgekehrten Verhältnis zu ihrem Rang die untersten Diener der Gemeinde. Die entscheidenden Vorgänge aber vollziehen sich außerhalb dieser Rangordnung überall da und dann, wo und wann Gott durch sein Wort und sein Sakra-ment Menschen aus dein Tode zum Leben, aus dem Reich der Finsternis in das Reich des lieben Sohnes Gottes durch seine machtvolle Hand versetzt. Damit ist bereits ausgelegt, was wir mit dem zweiten Absatz meinen, der so lautet: "Wir ver-werfen die falsche Lehre, als könne und dürfe sich die Kirche abseits von diesem Dienst be-sondere, mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete >Führer< geben oder geben lassen nach dem Vorbild bestimmter Staatsformen." 5. Aus dem Gesagten wird aber auch jeder ehrlich denkende Mensch sehen, wie wir zu Staat und Volk stehen. Damit wir aber den Lügnern auch das Maul stopfen, lassen wir noch einmal die Stimme der Heiligen Schrift laut werden, welche spricht: "Fürchtet Gott, ehret den König! (1. Petr. 2,17.)" Dazu ist nur zu bemerken: Wenn wir auch aus keiner anderen Erwägung heraus uns mit ganzem Ernst bemühten, gute Staatsbürger zu sein, so soll doch alle Welt wissen, dass uns dieses eine Wort der Schrift fester bindet und hält, als tausend Eide und irdische Bindungen uns halten können. Oft genug schon haben wir zum Ausdruck gebracht, dass man nur im Unrecht gegen Zeit und Ewigkeit uns als Rebellen verdächtigt, offenbar mit dem stillen Wunsche, uns dadurch auch kirchlich unmöglich zu ma-chen. Um aber noch einmal bindend und eindeutig unsere auf die Schrift gegründete Über-zeugung auszusprechen, fassen wir die aus der ganzen Heiligen Schrift gewonnene Auslegung unseres Bibelwortes so zusammen: "Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Ordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, der auch die Kirche angehört, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Sicher-heit zu sorgen. Die Kirche, frei in der Bindung an ihren Auftrag, begleitet mit Dank und Ehr-furcht gegen Gott den in der Bindung an seinen Auftrag ebenso freien Staat mit ihrer Fürbitte, aber auch mit der Erinnerung an Gottes ewiges Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit". Damit ist ausgesprochen, dass wir Glieder der Bekenntnisfront im Gehorsam und in der Treue gegen Volk und Staat durch ein göttliches Gebot gehalten sind. Nur deshalb, weil man nicht mit uns die Heilige Schrift ernst nimmt, kann die ewig neue Verdächtigung gegen uns ausge-sprochen werden. Sonst müsste man und würde es uns unterstellen, dass es keine stärkere Bindung für uns geben kann als die, die bei uns mit Gottes Hilfe bereits vorhanden ist. Die ewig neuen Verdächtigungen machen sichtbar, dass die Heilige Schrift bei unseren Gegnern nicht das Ansehen hat wie bei uns, und dass man vom Staat mehr erwartet, als ihm die Schrift für seinen Bereich zuschreibt. Beide, Staat und Kirche, sind Gebundene, diese im Bereich des Evangeliums, jener im Be-reich des Gesetzes. Ihre Bindung bezeichnet den Raum ihrer Freiheit. Jede Überschreitung der Bindung führt sowohl die Kirche wie auch den Staat in eine ihrem Wesen fremde Knechtung. Allein aus der jeder der beiden Größen eigenen Bindung erwachsen ihr Dienst und ihre Auf-gaben aneinander. Verkündigt der Staat ein ewiges Reich, ein ewiges Gesetz und eine ewige Gerechtigkeit, dann verdirbt er sich selbst und mit sich sein Volk. Verkündigt die Kirche ein staatliches Reich, ein irdisches Gesetz und die Gerechtigkeit einer menschlichen Gesell-schaftsform, dann überschreitet sie ihre Grenzen und reißt den Staat in ihre eigene Versump-fung mit sich hinab. Das meinen wir, wenn wir in Abweisung falscher Lehre sagen: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne ein Staat die einzige und > totale< Ordnung menschlichen Lebens werden. Wir verwerfen die falsche Lehre, als habe sich die Kirche mit ihrer Botschaft oder auch nur mit ihrer Gestalt einer bestimmten Staatsform anzugleichen." Wir glauben, nichts zu tun als unsere Pflicht vor Gott, dem allein Weisen und allein Gerech-ten, wenn wir in Abwehr deutsch- christlicher Irrtümer darauf aufmerksam machen, dass auch die Staatsweisheit in unserer gegenwärtigen Staatsform, über die wir uns sonst kein Urteil erlauben, nicht Gottes Weisheit, dass auch das Maß der Gerechtigkeit, welches in unserem Staatswesen herrscht, nicht das Maß göttlicher Gerechtigkeit ist. Und ein für allemal müssen wir es betonen, dass wir kein irdisches Gesetz kennen, durch welches mit Recht göttliches Gesetz gebrochen werden könnte. "Totaler Staat", das kann nur heißen: ein Staat, der sich bemüht, innerhalb der von Gott gesetzten Grenzen das gesamte Leben des Volkes zu umfas-sen. Wollen die Deutschen Christen eine Umfassung über diese Grenze hinaus, dann verleug-nen sie die Realität und die Aktualität des göttlichen Gebotes. 6. Wir geben abschließend Zeugnis davon, warum uns die Kirche so groß ist, trotz ihrer äußer-lich geringen Gestalt, dass wir immer wieder ihre Einzigartigkeit und ihre Uneinholbarkeit betonen. Dies Zeugnis ist beschlossen in den Worten der Schrift: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" (Matth. 28,20.) "Gottes Wort ist nicht gebunden (2. Tim. 2,9)" Es gibt kein Staatswesen, es gibt auch kein Volk, für welche das Wort Gültigkeit hätte, dass Christus bei ihnen wäre bis an der Welt Ende. Aus diesem Grunde gibt es auch keine Politik, auch keine Kirchenpolitik, die nicht unter das Wort der Schrift fällt: "Alles Fleisch ist wie Gras".Jede politische Rede ist den Machtmitteln dieser Erde mit Recht ausgesetzt. Das Wort Gottes kann nicht gebunden werden, weil Er bei uns ist bis an der Welt Ende. In dem einen besteht das andere. Daraus allein ergibt sich das der Kirche Eigentümliche, was wir zur Geltung bringen müssen: "Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk." Wenn wir um die Freiheit des kirchlichen Auftrages kämpfen, dann meinen wir grundsätzlich etwas anderes, als das, was die vergangene Zeit meinte, wenn sie von der Freiheit des Men-schen sprach. Wenn wir betonen, dass die Gemeinde nicht mundtot gemacht werden könne, dann bringen wir damit kein demokratisches Prinzip zur Geltung. Wenn wir zum Ausdruck bringen, dass der einzige Rahmen, innerhalb dessen zu stehen von dem Verkündiger gefordert werden kann, der Rahmen der Heiligen Schrift in der Gemäßheit des Bekenntnisses dieser Kirche ist, so meinen wir damit nicht, dass dem Verkündiger neben anderen Staatsbürgern ein Sonderrecht zukäme. Alle diese Anliegen sind nichts als der Ausdruck unseres Glaubens, dass in der Gemeinschaft von Brüdern, von der wir oben gesprochen haben, die man Kirche heißt, Christus nicht nur als Idee, sondern als der lebendige Herr, nicht nur in unerreichbarer Ferne, sondern mitten unter uns lebt, wirkt und regiert, wie die Schrift spricht: "Das Wort Gottes ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen". Und eine andere Schrift spricht: "Sie werden alle von Gott gelehrt sein". Es ist dringliche Aufgabe der Kirche, durch sichtbare Zei-chen zum Ausdruck zu bringen, dass die Belehrung durch den Heiligen Geist und dass die Gegenwart Christi nicht erstrebenswerte Ideale in der Kirche, sondern geschenkte Ausgangs-punkte ihres Handelns sind in Wort und Werk. So und so allein ist es zu verstehen, wenn wir die falsche Lehre verwerfen, als könne "die Kirche in menschlicher Selbstherrlichkeit das Wort und Werk des Herrn in den Dienst irgendwelcher eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen." Wenn wir im Laufe des letzten Jahres und jetzt erneut immer wieder zum Ausdruck gebracht haben, dass die Verkündigung der Kirche nicht der menschlichen Selbstherrlichkeit bereitge-stellt werden dürfe und nicht menschlich gewählten Wünschen, Zwecken und Plänen unter-stellt werden kann, so sagen wir nicht, dass diese Wünsche, Zwecke und Pläne nicht innerhalb der menschlichen Einsicht und des menschlichen Vermögens gut und wünschenswert seien; aber wir sind dessen eingedenk, dass dieses Urteil, sie seien gut und wünschenswert, mensch-liches Urteil ist. Wir überlassen es aber Gott, am Jüngsten Tage darüber zu entscheiden, ob diese Pläne und Wünsche auch göttlich erstrebenswert sind. Aus diesem Grunde können wir es nicht dulden, dass die Verkündigung in ihren Dienst gestellt wird, weil das soviel bedeuten würde, wie wenn die Gegenwart Christi und die Ungebundenheit des Wortes durch den Heili-gen Geist in diesen menschlichen Plänen und Wünschen ebenso wirksam wäre wie in dem in der Gemeinde gepredigten Wort und dem in der Gemeinde gespendeten Sakrament. Zusammenfassend beurteilt die Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche diese sechs Punkte wie folgt: "Die Bekenntnis- Synode der Deutschen Evangelischen Kirche erklärt, dass sie in der Aner-kennung dieser Wahrheiten und in der Verwerfung dieser Irrtümer die unumgängliche theolo-gische Bedingung der Einheit und damit des Bestehens der Deutschen Evangelischen Kirche sieht. Sie fordert alle, die sich ihrer Erklärung anschließen können, auf, bei ihren kirchenpoli-tischen Entscheidungen dieser theologischen Erkenntnisse eingedenk zu sein. Sie bittet alle, die es angeht, in die Einheit des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung zurückzukehren." Das bedeutet also, wie schon oben erwähnt, dass diese Punkte nicht ein Programm zur Gel-tung bringen, sondern vielmehr Äußerungen eines von Gott geschenkten Glaubens sind, über den man eben darum nicht verhandeln kann, weil er von Gott geschenkt ist. Es bedeutet, dass die Bekenntnissynode der deutschen Evangelischen Kirche ihres Weges und ihrer Sache so gewiss ist, dass sie andere mit in diese Verantwortung hineinzuziehen wagt. Es bedeutet im Hinblick auf die Deutschen Christen, insonderheit auf ihre neuerdings angewendete Taktik, die Notwendigkeit des lutherischen Bekenntnisses zu bezeugen, dass wir um der Wahrheit willen diese Überzeugung nicht als Wiedergutmachung und damit als Erledigung unserer Be-schwerdepunkte ansehen können. Nicht aus Hochmut, sondern aus ernsten Bedenken heraus müssen wir bezeugen: Wir wollten gerne mit ihnen einig sein, aber der Preis dieser Einigkeit wäre das von den Deutschen Christen deutlich ausgesprochene Bekenntnis, dass sie ihre bis-herige Lehre und Praxis als kirchenzerstörend anerkennen und ihre Bereitschaft bekunden, nach anderen Grundsätzen und in anderer Ordnung zukünftig Kirche zu bauen, als sie das bisher versucht haben. Denn wir sind ja nicht frei, zu tun und zu lassen, was wir möchten. Uns liegt Frieden und Gemütlichkeit mehr als Kampf und Risiko. Wir sind aber gebunden durch den unaufhebbaren Tatbestand: "Verbum Dei manet in aeternum". |